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Akademisches Lehrkrankenhaus
der Universität Hamburg

Grüne Damen und Herren im Lockdown

Mittwoch, 21. Oktober 2020

„Die Grünen Damen und Herren bleiben unverzichtbar – sie sind ein leuchtendes Vorbild!" So die Worte unseres Bundespräsidenten, die er anlässlich des 50-jährigen Bestehens der eKH in seinem Grußwort geschrieben hat.

Unverzichtbar?
Als Mitte März von einem auf den anderen Tag der Corona-Lockdown kam, waren auch die Grünen Damen und Herren (GD+H) davon betroffen. In sämtlichen Einrichtungen, ob Krankenhäuser, Altenheime oder Reha-Kliniken bekamen die GD+H Besuchsverbot. Das wurde von der überwiegenden Mehrheit mit viel Verständnis aufgenommen. Jeder hatte die Bilder von Spanien und Italien vor Augen, wo die Gesundheitssysteme kollabierten. Und vielfach gab es auch Angst vor Ansteckung im Krankenhaus – schließlich gehört der große Teil der GD+H aufgrund des fortgeschrittenen Alters zur Risikogruppe. Keiner konnte ahnen, dass diese Zeit so lange anhalten würde.

Und niemand konnte sich vorstellen, wie sich die Konsequenzen auf die Patient*innen und Heimbewohner*innen auswirken würden. Das Besuchsverbot galt ja nicht nur für uns, sondern in erster Linie auch für die Angehörigen. Für die Patienten bedeutete das, teilweise über Wochen kein Besuch, keine Möglichkeit, die Sorgen und Ängste auszusprechen, einfach nur mal eine tröstende Hand zu spüren oder auch nur in kleinen Dingen des Alltags unterstützt zu werden. Und das Pflegepersonal musste zusätzlich zu dem angespannten Dienst so manche kleinen Handreichungen zusätzlich übernehmen, die normalerweise von Grünen Damen und Herren erledigt werden.

Die Versorgung Kranker und Pflegebedürftiger in Zeiten von Corona ist durch ein zentrales Dilemma gekennzeichnet: Die soziale Distanzierung ist weltweit die einzige erfolgreiche Strategie zur Eindämmung der Pandemie und auch zum Schutz der Kranken und vor allem auch der Pflegebedürftigen vor einer Infektion. Gerade die Pflegebedürftigen in den Altenheimen und geriatrischen Stationen sind aufgrund von Multimorbidität und der oftmals damit einhergehenden Immobilität generell anfälliger für Infektionen (Kunz & Minder 2020; Lai et al. 2020).
Andererseits gilt es inzwischen als erwiesen, dass gerade an Demenz Erkrankte durch die Zeit des Lockdowns große Rückschritte gemacht haben. Isolation ist nach einer Befragung der Uni Bremen für Pflegebedürftige (Juni 2020) extrem schädlich und erhöht deren Sterblichkeit (Seidler et al. 2020). Auch für Angehörige sind Besuchsverbote teilweise nur schwer hinnehmbar (Koppelin 2020) 1*.
Die Auswirkungen gehen bis dahin, dass eine Altenpflegerin von einer ihr anvertrauten Bewohnerin erzählen musste, dass diese das Essen einstellte, weil sie keinen Besuch ihrer Lieben mehr bekommen durfte. Diese Dame war einige Tage später tot.

Der Mensch besteht aus Körper und Seele. Die soziale Bedeutung und damit auch der ethische Wert der menschlichen Zuwendung, die durch Besuche und Besuchsdienste erfahrbar wird, scheint aufgrund des so lange andauernden Herunterfahrens immer deutlicher auf.
Nicht nur mir stellt sich inzwischen die Frage nach der Systemrelevanz unseres Dienstes. Selbstverständlich sind ärztliche und pflegerische Maßnahmen die „Erste-Hilfe" in Krankenhäusern und Altenheimen. Doch gehört das soziale Auffangen, die menschliche Zuwendung gerade in Grenzsituationen des Lebens, wie sie Krankheit, Alter und Pflegebedürftigkeit darstellen, nicht auch zu den begleitenden unverzichtbaren Aufgaben, die unser System des Zusammenlebens ausmachen?
Gott sei Dank haben viele Einrichtungen nach mehreren Wochen des Lockdowns gemerkt, dass diese soziale Komponente der Besuchsdienste fehlt. Sie haben gemeinsam mit den Grünen Damen und Herren überlegt, wie Besuche mit möglichst geringer Gefährdung auf allen Seiten wieder ermöglicht werden können.
Gleichzeitig hat die eKH ein überzeugendes Hygienekonzept entwickelt, das als Gesprächsgrundlage mit den Verantwortlichen der Einrichtungen für eine Wiederaufnahme des Dienstes dienen soll. Dadurch wurden viele dieser Verantwortlichen ermutigt, zumindest den Versuch zu wagen. Andere sehen leider noch keine Chance für einen Wiedereinstieg. Häufig wird dabei argumentiert, zum Schutz der gefährdeten Grünen Damen und Herren die Dienste nicht zulassen zu können. Oder aber, es wird den betroffenen Gruppen das Gefühl vermittelt, eine Gefährdung für die Patient*innen und Bewohner*innen zu sein.Was das mit den Gruppen auf Dauer machen wird, lässt sich zur Zeit nicht abschätzen.

Frau Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, sagt in ihrem Grußwort zu unserem Jubiläum: „Gerade in einer zunehmend ökonomisierten Medizin schenken Sie (die GD+H) den kranken und alten Menschen Nähe und Zuversicht (...) Sie tragen damit zu ihrer Genesung bei, zu ihrer Lebensqualität – und auch zum menschlichen Gesicht unserer Gesellschaft..."
Wie sagte doch Bundespräsident Steinmeier: „Die Grünen Damen und Herren bleiben unverzichtbar".

Ihre Susanne Zschätzsch

 

1* Zur Situation der Langzeitpflege in Deutschland während der Corona-Pandemie - Ergebnisse einer Online-Befragung in Einrichtungen der (teil)stationären und ambulanten Langzeitpflege (Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP)SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik), Bremen Juni 2020

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