Die Wartezeit wird Vorsprung: Deutschlandpremiere in Notaufnahme am Heidekreis-Klinikum
58 Sprachen, keine Tastatur, keine verlorene Zeit: Patientinnen und Patienten schildern ihre Beschwerden schon vor dem Arztgespräch. Das soll die Versorgung besser vorbereiten, Abläufe beschleunigen und das medizinische Personal entlasten.
Heidekreis. Wer mit Schmerzen oder Sorgen in eine Notaufnahme kommt, möchte möglichst schnell behandelt werden. Doch wenn viele Menschen gleichzeitig Hilfe suchen, geraten Notaufnahmen an ihre Grenzen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das häufig langes Warten. Für Ärzteschaft und Pflegekräfte bedeutet es hohen Zeitdruck.
Das Heidekreis-Klinikum in Walsrode will deshalb die Zeit besser nutzen, die Patientinnen und Patienten ohnehin in der Notaufnahme verbringen. Als erstes Krankenhaus in Deutschland setzt es symptoX Boxen im Regelbetrieb seiner Zentralen Notaufnahme ein. Dort können erkrankte Menschen ihre Beschwerden bereits während der Wartezeit schildern, statt damit erst im Arztgespräch zu beginnen.
„Digitale Innovationen müssen dort ansetzen, wo sie die Versorgung der Menschen konkret verbessern“, sagt Dr. med. Andreas Philippi, Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. „Die sprachgestützte Anamnese in der Notaufnahme ermöglicht es, medizinisch relevante Informationen frühzeitig strukturiert zu erfassen und gleichzeitig Sprachbarrieren abzubauen. Das Heidekreis-Klinikum zeigt damit, wie Digitalisierung konkret in der Patientenversorgung ankommen kann.“
Auch Cornelia Reithmeier, Landrätin des Heidekreises, sieht in dem Projekt einen wichtigen Schritt für die regionale Gesundheitsversorgung: „Entscheidend ist, dass Digitalisierung nicht zum Selbstzweck wird, sondern den Menschen zugutekommt. Gerade in einer Notaufnahme können eine strukturierte Anamnese und der Abbau von Sprachbarrieren dazu beitragen, wichtige Informationen frühzeitig für die weitere Behandlung verfügbar zu machen.“
Für Erkrankte beginnt die Versorgung schon vor dem Arztgespräch
Nach der medizinischen Ersteinschätzung können Patientinnen und Patienten mit weniger dringlichen Beschwerden in einem geschützten Bereich Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten. Das geschieht per Sprache und auf Wunsch in einer von 58 Sprachen. Aus ihren Angaben entsteht eine strukturierte Zusammenfassung für das Behandlungsteam.
Wichtig: Die symptoX Boxen stehen nach der medizinisch-pflegerischen Ersteinschätzung, der sogenannten Triage, gezielt nur für weniger dringliche, grün oder blau triagierte Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Menschen mit höherer Behandlungsdringlichkeit werden entsprechend ihrer medizinischen Priorität versorgt.
Der entscheidende Vorteil: Wenn der erkrankte Mensch zum Arzt, bzw. zur Ärztin aufgerufen wird, liegen wichtige Informationen bereits vor. Das Gespräch kann gezielter beginnen und die Zeit beim Arzt stärker für Untersuchung, Rückfragen und Behandlung genutzt werden. Ziel ist es, dadurch Abläufe zu verbessern und die Versorgung zu beschleunigen. Belastbare Daten zur tatsächlichen Zeitersparnis liegen nach dem Start des Regelbetriebs noch nicht vor.
„Wir nutzen mit symptoX einen Teil der Wartezeit für einen wichtigen Schritt in der Versorgung: die strukturierte Erfassung der Anamnese“, erklärt Simone Herkströter, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme des Heidekreis-Klinikums. „Dabei ist uns besonders wichtig, dass die Patientinnen und Patienten ihre Beschwerden selbst schildern können, unabhängig von ihren Deutschkenntnissen.“
Besonders wertvoll ist das für Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen. Sie können ihre Beschwerden selbst und in ihrer eigenen Sprache schildern. Angehörige müssen nicht übersetzen, und auch sensible Themen können in einem geschützten Rahmen angesprochen werden.
Sprachgestützte KI hilft im Hintergrund
Technisch wird die sprachgestützte Anamnese durch künstliche Intelligenz unterstützt. Patientinnen und Patienten müssen weder tippen noch komplizierte digitale Anwendungen bedienen. Sie sprechen ihre Antworten einfach ein. symptoX erfasst die Angaben und bereitet sie strukturiert für das Behandlungsteam auf.
Medizinische Entscheidungen trifft das System nicht. Die Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit und alle medizinischen Entscheidungen bleiben bei den dafür qualifizierten Mitarbeitenden.
Vor dem Start wurde das Verfahren über mehrere Wochen mit Mitarbeitenden und freiwilligen Patientinnen und Patienten erprobt und an die Abläufe der Notaufnahme angepasst. Im Mittelpunkt standen die einfache Nutzung, die Verständlichkeit der Fragen und die Qualität der Informationen für die weitere Behandlung. Unter anderem wurden die Sprachversionen Arabisch, Polnisch, Russisch und Englisch getestet. Die Fragen und die daraus erstellten deutschen Zusammenfassungen erwiesen sich dabei als korrekt.
Schnellere Abläufe sollen die Notaufnahme entlasten
Für Ärzteschaft und Pflegende zählt die Zeit. Wenn wichtige Angaben zu Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamenten bereits vorliegen, müssen diese Informationen nicht erst im Arztgespräch von Grund auf erfasst werden. So soll mehr Raum für die eigentliche medizinische Versorgung entstehen.
Wie stark die Notaufnahmen beansprucht werden, zeigen die Zahlen des Heidekreis-Klinikums: Von Januar bis August 2026 wurden in Walsrode und Soltau insgesamt 25.410 Patientenkontakte in den Zentralen Notaufnahmen verzeichnet. Rund 72 Prozent der Patienten wurden ambulant behandelt.
„Für uns steht nicht die Digitalisierung um ihrer selbst willen im Vordergrund, sondern die konkrete Verbesserung der medizinischen Versorgung“, betont Dr. med. Achim Rogge, Geschäftsführer des Heidekreis-Klinikums. „Wenn medizinisch relevante Informationen bereits während der Wartezeit strukturiert erfasst werden und dem Behandlungsteam frühzeitig zur Verfügung stehen, können wir wertvolle Zeit gewinnen, Behandlungsprozesse gezielter steuern und unsere Mitarbeitenden entlasten. Entscheidend ist dabei, dass die Technologie unsere ärztlichen und pflegerischen Teams sinnvoll unterstützt und den Patientinnen und Patienten einen spürbaren Mehrwert bietet. Mit dem Einsatz der symptoX Boxen gehen wir bewusst einen innovativen Weg, dessen Nutzen wir im klinischen Alltag sorgfältig evaluieren werden. Unser Ziel ist eine moderne, patientenorientierte und zugleich leistungsfähige Notfallversorgung.“
Mehr Platz und bessere Abläufe für die Patientinnen und Patienten
Auch räumlich hat das Heidekreis-Klinikum die Abläufe in der Zentralen Notaufnahme verändert. Der Wartebereich für weniger dringliche, grün und blau triagierte Patientinnen und Patienten liegt nun in der Eingangshalle – direkt bei den symptoX Boxen. Im bisherigen Wartebereich stehen dadurch zusätzliche Patientenbetten zur Verfügung. Wer im weiteren Verlauf liegend versorgt werden muss, kann dort bei Bedarf früher untergebracht werden.
Die neue Raumstruktur ist Teil der umfassenderen Weiterentwicklung der ZNA in Walsrode. Seit dem 1. September 2026 wird sie erstmals von einer eigenen Chefärztin, Simone Herkströter, geleitet. Ein zusätzlicher Behandlungsbereich mit drei bis vier Patientenbetten schafft weitere Möglichkeiten, Patienten nach der Ersteinschätzung gezielt weiterzuleiten und die Versorgung frühzeitig zu beginnen.
„Moderne Notaufnahmen müssen Patientenströme sinnvoll steuern und gleichzeitig frühzeitig Versorgung ermöglichen“, sagt Chefärztin Simone Herkströter. „Mit der neuen Raumstruktur und der digitalen Unterstützung durch symptoX entwickeln wir unsere Zentrale Notaufnahme konsequent zu einer eigenen bettenführenden Fachabteilung weiter.“
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